Donnerstag, 12. Juni 2008

Deutsche und Bolivianer (also reiche Bolivianer)

In den letzten Tagen ist mir aufgefallen wie komisch wir Deutschen uns hier in Bolivien verhalten. Aufmerkasam gemacht haben mich die schiefen Blicke, wenn ich nachts um 10 (denn das ist hier Nacht) immer noch Minibusse suche, weil sie 70Centavos billiger als ein Trufi sind. Ja ueberhaupt: Warum fahre ich sogar mit dem Microbus fuer einen Boliviano (ca 10Eurocent) an jeden Punkt der Stadt? Der Microbus ist doch gefaehrlich und nur fuer die Unterschicht, die sich das Trufi nicht leisten kann (3Bolivianos). Meistens wird dann nur wissend genickt, wenn wir Deutschen auch noch das Handeln anfangen., Oft geschieht das, wenn uns ein paar Bolivianer mit auf Tour nehmen und daher ein Taxi notwendig wird, eben weil die Bolvivianer dabei sind und zu mehreren ein Minibus/Trufi noch viel weniger den Anspruechen genuegt. Also steigen alle ein und lassen sich vom Taxifahrer der Himmel weiss welche Preise pro Kopf abknoepfen, waehrend der Deutsche noch dabei ist, durchs Fenster zu verhandeln.
So fuer mich denke ich mir oft, dass die Fahrzeuge de Oeffentlichen Nahverkehrs im Grunde genommen mit zunehmender Groesse bequemer werden, sicherer bei Unfaellen sind und dass die groessere Menschenmenge auch kriminelle Delikte, vom Taschendiebstahl abgesehen, seltener werden laesst. Entfuehrer sitzen nicht im Microbus mit 30 buchstaeblich schlagfertigen Cholitas (das sind die Indigena-Frauen mit dem huebschen Hut) hinter sich, sondern sie fahren ein unauffaelliges Taxi.
Das war so der erste schiefe Blick, der mir hier auffiel. Wenn dann zum Vorschein kam, dass wir kochen koennen oder unser Bett selbst machen oder dass Tobi und Martin ganz alleine ohne Cholita leben, die eben diese Aufgaben fuer sie uebernimmt, dann wurde aus dem schiefen Blick meist ein unglaeubiges Kopfschuetteln. Ok, zugegeben haelt meine Yola mein Zimmer auch in besserer Ordnung als Tobi und Martin es mit der guten, alten Butze schaffen, aber andererseits funktioniert es doch trotzdem.
Und warum ist das so? Warum erscheinen wir
Deutsche unseren Kommilitonen einerseits als Pfennigfuchser und Spiesser wenn es um die Rechnung oder das Taxi geht, oder einfach darum ob man nicht vielleicht zu Fuss geht; und andererseits ernten wir neidische Blicke wenn wir erzaehlen, dass wir am Wochenende einen Berg bestiegen oder eine Wanderung unternommen haben. Oder der Neid weicht einem schwaermeriscen Glaenzen in den Augen, waehrend uns als Europaeern von einem Bolivianer die Vorzuege Europas aufgezaehlt werden.
Ich glaube wir Deutsche leben hier so, wie wir es in einem Land der ersten Welt gelernt haben: Wir sparen im Alltag wo es nur geht und bevorzugen am Ende Aepfel aus dem Discounter gegenueber dem Wochenmarkt, nur um ein paar Eurocent zu sparen. Wir kochen selbst und wenn es nicht mehr anders geht, dann waschen wir sogar ab. Wir haben aber die Garage auch zu Heimwerkerwerkstatt umgebaut. Warum? Weil der Klempner oder Schreiner oder Elektriker, der in Deutschland fuer gewohnlich sogar eine fundierte Ausbildung vorweisen kann *hoert,hoert - aber ihr habt ja hier noch nie n elektriker arbeiten sehen!!!* dank dieser Qualifikation bis zu 25€ pro Stunde verlangen kann. Ein Preis fuer den die bolivianische Version einen ganzen Tag am Haus herumbastelt und das Material wahrscheinlich auch noch selbst stellt.
Wenn wir aber mit viel Disziplin und Verzicht dieses Sparen durchhalten, dann bleibt am Schlss auch etwas uebrig. Dieser Ueberschuss, sei er gross oder klein, wird in Freizeit investiert, in Konzerte, Bars und Ausfluege, ja sogar mehrmals jaehrlich in Urlaub. Und hier kommt einer der Vorteile ans Licht, die ein entwickeltes Land tatsaechlich zu bieten hat: Freizeit! Allein die Anzahl der Feiertage und die Erfindung von zusaetzlichen Brueckentagen, sowie der 40-Stunden-Woche summieren sich auf bis zu 50 Tage im Jahr, plus den regulaeren Urlaub.
Der Unterschied wird also klar, wir selbst sind im Alltag Geizhaelse um unseren Ueberfluss an Freizeit auch ordentlich nutzen zu koennen. Ein Bolivianer unserer Einkommensklasse dagegen lebt 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr mit einem Service, den wir uns im Urlaub kaum leisten koennen. Das Bettt wird gemacht, die Wasche waescht sich von allein, das Essen wird als 3-Gaenge-Menue aufgefahren und wieder abgeraeumt, Taxis bringen enen bis vor die Haustuer und auf Partys wird die Tuer von Securities bewacht und die Wuerschte werden von Kellnern verteilt. Aber, vom eigenen Land kennen die meisten nur die wichtigsten Staedte (von denen es ca 4 oder 5 gibt) und man fragt sich was all die Touristen hier ausserdem noch so machen.
Ein Beispiel ist die Attraktion "Besteigung eines 6000ers" in 28 Stunden ist man wieder daheim in La Paz - und doch kenne ich keinen Bolivianer der sich dieses Erlebnis gegoennt hat.
Nach all diesen Ueberlegungen kam ich bei der unvermeidlichen Frage an, was wohl das Bessere sei. Wuerde man, wie das in wirtschaftlichen Modellen oft der Fall ist, alle anderen Faktoren aussen vor lassen, "ceteris paribus", so haetten wir zwei Lebensformen und koennten frei von einer zur anderen wechseln, um je nach Wunsch die Freizeit oder den Komfort des Alltags zu geniessen.
Dem ist nicht so, und weitere Faktoren, wie medizinische Sicherheit, Renten und Pensionen, sowie psychologische Sicherheit ganz allgemein, machen Deutschland und die EU zu einem paradiesischen Vorbild. Doch glaube ich ernsthaft, dass viele der Leute hier, die nichtmal ein Spiegelei braten koennen (und dafuer kann ich Namen nennen!), aus Bequemlichkeit das Leben hier vorziehen wuerden. In diesem Sinne muss aber auch die jetzige Gesellschaft aufrecht erhalten werden, mit Universal-Cholitas und Spiegelei-unfaehigen-Maedels. Und so kann man sich ungefaehr vorstellen, woher die ultrakonservative Rechte in diesem Land kommt, die versucht das koloniale Erbe aufrecht zu erhalten.

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