Donnerstag, 10. Juli 2008

Erster Einblick in Entwicklungsarbeit in Bolivien

Ich arbeite jetzt seiiiit... so 2-3 wochen beim Dachverband bolivianischer Bioproduzenten. Ist schoen zu sehen, wie versucht wird, alles moeglichst aehnlich wie in den grossen Vorbildern Deutschland oder Italien zu machen. Das heisst nach einer Uebergangsphase in der schon biologisch produziert wird, in der aber noch keine Biosiegel vergeben werden, erhaelt man schliesslich nach einem strengen Zertifizierungsprozess das begehrte Siegel und man kann sich sicher sein, dass man auch in Zukunft streng kontrolliert wird.

In Bolivien gibt es so ein Siegel auch, der Dachverband der Bauern selber vergibt es (also da wo ich arbeite), und man gibt sich wirklich Muehe, ein ordentliches Prozedere mit Uebergangszeit, Boden-, Wasserproben und regelmaessigen Kontrollen durchzufuehren. Da aber ein Bauernverband laut EU unmoeglich unabhaengig urteilen kann gilt das Siegel ausserhalb von Bolivien einen Dreck.
Es gibt aber bisher auch keinen, der es sonst machen koennte. Also sind internationale Siegel wie "Biolatina" notwendig. Die Zertifizierung dafuer kostet aber 4500$, die die kleinen Bauernorganisationen, die meist gerade mal den Transport ihrer Produkte nach La Paz bezahlen koennen, unmoeglich aufbringen koennen. So sind sie also Biobauern, produzieren ohne kuenstliche Duenge- und Schutzmittel Kaffe/Kakao/Tee/Soja/Honig/Quinua/Amaranth, erhalten eine wertvollen Genpool und ernten weniger als ihre Nachbarn auf ihren Coca-Feldern.

Der AOPEB (so heisst die bol. Bio-Organisation) versucht nun nach und nach, den erfolgversprechensten seiner Mitgliedsorganisationen Zugang zu Geldern fuer die Zertifizierung zu vermitteln. Ausserdem versuchen wir in einem Pilotprojekt eine neue, superbillige Zertifizierung in einer Gemeinde zu entwickeln, die zwar niemals ausserhalb Boliviens gelten wird, aber fuer den nationalen Markt wenigstens eine Unterscheidung zwischen Bio und Nichtbio ermoeglichen wuerde. So eine Unterscheidung ist nicht ganz unwichtig, wenn man sich so anschaut, was "nicht-Bio-Produzenten" so ueber ihre Bananen/Orangen/Mandarinen etc. kippen. Das ist naemlich oft das dreckigste Flusswasser, dass die Coca-Produzenten die ihre Plantagen weiter oben in den Taelern haben ordentlich mit Chemikalien abgeschmeckt haben ;-)

Das, ist ein Problem. Ein anderes ist, dass so ein angehender Biobauer angesichts dieser Widrigkeiten natuerlich ziemlich schnell die Flinte ins Quinua schmeisst und wieder Coca anbaut. Beim Kaffee ist das in grosses Problem:
Viiiiel Entwicklungshilfe floss in den 80igern/90igern in die Region Caranavi (wo ich jetzt gerade war). Es begann die Kaffeeproduktion im grossen Stil, Schaelmaschinen wurden geschenkt...

  • Leider ist der Kaffee sehr krankheitsanfaellig und muss alle paar Jahre neu gepflanzter werden - Coca nicht.
  • Dann brauchen die Maschinen Strom und Wasser, was bei Blitzschlaegen und Erdrutschen die die Reservoirs verschuetten, gar nicht so einfach ist (ohne spass, das haben sie uns erzaehlt) - Coca braucht das nicht (mal von den Kokain-Labors abgesehen ;-)
  • Tee ist einfacher zu produzieren, aber der Preis fuer ein Kilogramm ist zum Weinen - bei Coca ist der Preis spitze.

Man ahnt vllt schon auf was das hinauslaeuft: die Kaffeeproduktion ist in den letzten vier Jahren um fast die Haelfte zurueckgegangen, die Coca auf dem Vormarsch. Die NGOs sind in aermere Gebiete abgewandert und der AOPEB versucht vor dem Hintergrund auch noch seinen BIO-Kaffee zu produzieren.

So, um jetzt noch ein bischen gegen die EU zu hetzen ;-) Die EU ist ein kleines, reiches Territorium, mit einer dicken Mauer aus doppelreihigem Stacheldraht drumrum, aus wirtschaftlicher Sicht (aber in Wirklichkeit auch... googelt mal die Ausgaben fuer die Grenzbefestigungen hinter den neuen Mitgliedsstaaten). Bolivien kann dort nur Rohstoffe hineinexportieren: Oel, Gas, Erze, Soja&Getreide, Cacao, Tee und als einziges verarbeitetes Produkt: Kaffee (von Kokain mal abgesehen). Bolivien kann keine Kekse aus Quinua exportieren oder Schokolade von El Ceibo (die sogar in die USA exportiert werden darf) - warum nicht? Weil wir das lieber selber machen.

Aus diesem Grund ist in den EU auch die Stevia verboten - eine Pflanze, deren Extrakt ein Zuckerersatzstoff ist, der die Insulinproduktion bei Diabetikern anregt und somit sogar medizinische Effekte besitzt. Warum ist die Stevia verboten? Kurze Geschichte:

  • Seit schon immer in Suedamerika benutzt und seit den 70-igern in Japan
  • 1991 - Verbot in den USA, weil noch nicht erforscht
  • 1994 - Zulassung nach ausreichender Forschung (aus Sicht der USA)
  • 1999 - Stellungnahme zum Fortbestehen des Importverbots in den EU: Man hat nur das kristalline Extrakt untersucht, nicht die Blaetter (kein Mensch wollte jemals die Blaetter importieren!)
  • 2006 - Gutachten der WHO (World Health Org.) das Stevia in Ordnung ist aber Fortbestehen des Verbots in den EU
  • 2007 - CocaCola kauft Rechte an einem Derivat auf und versucht nun auf eigene Faust eine Erlaubnis zu erhalten
  • 2008 - Verbot besteht fort, immerhin muessen europaeische Zuckerruebenproduzenten ja auch noch in den kommenden 20 Jahren vor dem boesen Zuckerrohr, Stevia und Billigzuckerrueben aus anderen Laendern geschuetzt werden!

hm, ich hab mich jetzt mal auf die Probleme beschraenkt, die Loesungen kann ich mir in den naechsten 10 Jahren mal ueberlegen - ich glaub naemlich nicht dass die so einfach sind.

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